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Zu Besuch bei den „Parias“ des Ostfußballs - Versuch einer Annäherung

11.11.07 17:47

Von Harald Linder

 

Karlsruhe/Berlin. Dort wo der Osten Berlins auch heute noch schwer an das ehemalige Ost-Berlin erinnert, dort wo Plattenbauten die Skyline bilden und dazwischen landwirtschaftliches Brachland von der neuen EU-Zeit kündet, dort wo der Solidaritätszuschlag bis heute nicht angekommen ist (zumindest was den Zustand der Straßen anbelangt) und es eine Arbeitslosenquote von fast 20 Prozent gibt, liegt Hohenschönhausen, Heimstätte des Berliner Fußball Clubs Dynamo, mit zehn Meistertiteln einstmals einer der erfolgreichsten Fußballvereine der DDR-Oberliga.

 

Dort im Stadion im Sportforum, das längst schon keinen morbiden Ostalgie-Charme mehr versprüht, sondern trotz aller sicherheitsrelevanten Neuerungen der letzen Jahre baulich immer mehr verfällt, traten an einem sonnigen Oktobertag des Jahres 2007 die KSC-Allstars gegen eine Traditionsmannschaft des einst berüchtigten Stasi-Clubs an. Aus dessen Reihen gingen so renommierte Spieler wie Andreas Thom, Thomas Doll, Falko Götz, Henrik Herzog oder Burkhard Reich hervor, die nach der Wende auch im Westen zu Fußballgrößen wurden ...


Von denen wollen aber die wenigsten noch etwas mit dem Club zu tun haben, der heute mit seiner ersten Mannschaft in der Nordstaffel der Oberliga-Nordost ein ziemlich trostloses Dasein fristet, was ihm von den meisten anderen Vereinen aus der ehemaligen DDR von Herzen gegönnt wird.

 

Der einstige Lieblingsklub von Stasi-Chef Erich Mielke, der sich im Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark, wo der BFC Dynamo zu Glanzzeiten spielte, eine eigene Zufahrtsrampe für seine Staatslimousine nebst eigenem Aufzug, der ihn zu seiner Loge brachte, hatte bauen lassen, war zu DDR-Zeiten verhasst und gilt auch heute noch als „Paria“ der Ostvereine. Wie sehr der Club abgelehnt wird, zeigt sich im Stadion, wo ein riesiges Transparent der „Kameradschaft weinrotes Ostberlin“ hängt, das in martialischer Faktura die Aufschrift ziert:

 

„Euer Hass macht uns stärker!“ Dass dieses Weinrot stark ins Bräunliche geht, mag die Tatsache belegen, dass sich unter den vielleicht 400 Besuchern, die das Spiel zwischen den alten Dynamo-Cracks und den KSC-Allstars sehen wollten, auch eine Reihe Besucher im typischen Neonazi-Outfit ungeniert auf der Tribüne tummelten. Nicht ganz verwunderlich, wird doch den Fans des Klubs ein „sehr hohes, mitunter rechtsextremes Hooligan-Potenzial nachgesagt“, wie die taz in einem Artikel schrieb. Aber diese Fans, deren harter Kern von 120 bis 150 Personen laut Polizeiangaben der (gewalttätigen) „Kategorie C“ zugerechnet wird, sind es auch, die den Verein mit am Leben halten und ihn offenbar auch finanziell unterstützen.

 

Andere Unterstützung erfährt Dynamo kaum, Sponsoren sind rar und als Arnold Trentl, ehemaliger Vertriebschef des Sportartikel-Herstellers JAKO und heutiger KSC-Verwaltungsrat, der auch den BFC Dynamo ausgerüstet hatte, vor längerer Zeit andere JAKO-Clubs im Osten wie Rot-Weiß Erfurt, Hansa Rostock oder Energie Cottbus einmal darauf ansprach, dem wirtschaftlich angeschlagenen Verein in Form eines Benefizspiels zu helfen, handelte er sich glatte Absagen ein: „Jedem anderen Verein, aber denen nicht“, war die Antwort, wie sich Trentl erinnert, der das Tor bei den KSC-Allstars hütet.

 

Auch die einstigen gefeierten Dynamo-Stars zeigen dem Verein heute die kalte Schulter. Als der BFC im vergangenen Jahr seine ehemaligen Spieler, die nach der Wende auch in der Fußball-Bundesliga für Furore sorgten, anlässlich des 40-jährigen Bestehens zu einer kleinen Feier einlud, konnte (oder wollte) kaum einer dieser Einladung folgen. Lediglich Burkhard Reich, der zwischen 1986 und 1991 das Dynamo-Trikot trug, ehe er zum KSC wechselte, nahm die Einladung an die alte Sportstätte an. „Dynamo Berlin ist ein Teil meines Sportlerlebens. Und diesen Teil kann und will ich nicht verdrängen. Er gehört ebenso zu meiner Vergangenheit, wie er zur Vergangenheit der anderen Spieler gehört, die einst hier waren. Wenn einer diese Vergangenheit am liebsten aus seiner Akte löschen möchte, soll er es tun. Aber dies muss jeder mit sich selbst ausmachen“, meint Reich, der es dem Club wünschen würde, „dass er endlich ein ganz normaler Verein wird“, was der heutige Manager der KSC-Regionalliga-Mannschaft  allerdings bezweifelt. Zu sehr hafte Dynamo auch heute noch die Stasi-Vergangenheit an und dieses Stigma wird der Verein vermutlich nie loswerden.

 

Seine eigene (Stasi)-Akte kennt Burkhard Reich übrigens bestens, denn die ließ er sich aushändigen, „weil ich einfach wissen wollte, was da über mich drin steht“. Zumindest nichts, das ihn daran gehindert hätte, einen Teil der Spieler wieder zu sehen, mit denen er zwischen 1986 und 1991 zweimal DDR-Meister und Pokalsieger wurde, obwohl die wenigsten von ihnen in der heutigen Dynamo-Traditionsmannschaft spielen. Die ist hauptsächlich in der Hallensaison aktiv, „weil wir kaum genügend Spieler für draußen zusammenbringen, da die meisten verteilt im ganzen Bundesgebiet wohnen und wir so wenig Zeit haben, uns regelmäßig zu treffen“, weiß Norbert Paepke, der das Traditionsteam betreut, zu erzählen.

 

Deshalb war es eigentlich auch keine Überraschung, dass die KSC-Allstars, in deren Reihen mit Burkhard, Reich, Dirk Schuster, Michael Wittwer, Rainer Scharinger, Bernhard Raab oder Dubravko Kolinger etliche ehemalige Erst- und Zweit-Bundesliga-Spieler stehen, die zum Teil heute noch in der dritten oder vierten Liga aktiv sind, deutlich mit 10:2 die Oberhand behielten. Probleme hatte dabei nur der Mann, der in luftiger Höhe die Anzeigentafel bediente, was im Sportforum noch manuell geschieht. Und als es zweistellig wurde, hatte er alle Mühe, die Ziffernfolge zu installieren.

 

Doch das Ergebnis war bei allem sportlichen Ehrgeiz auf beiden Seiten dennoch zweitrangig. Es waren die Gesten, die zählten. So auch die, als Burkhard Reich Mitte der zweiten Hälfte sein Allstars-Trikot mit einem Dynamo-Trikot tauschte und in den Reihen seiner alten Mannschaft mitspielte. Oder dass der Platzwart des BFC eine Kollektion alter Biergläser mit den Aufdrucken der großen Dynamo-Siege für jeden KSC-Spieler in deren Mannschaftskabine brachte.

 

Als schließlich nach dem Spiel in der Vereinsgaststätte, die in einem Container untergebracht ist, an dessen Wänden die verblichenen Bilder aus den Europapokalzeiten des BFC Dynamo hängen, bei Schweinsbraten, Rotkohl, Knödeln und Bier diese deutsch-deutsche Begegnung gefeiert wurde, und aus der mobilen Soundanlage der Allstars der einstige DDR-Hit der Puhdys „Alt wie ein Baum“ erklang, schwenkten selbst die anwesenden Hardcore-Fans die Feuerzeuge. Und im Osten Berlins herrschte eine Stimmung, wie sie vermutlich direkt nach dem Mauerfall geherrscht haben mag. Wir waren (zumindest für kurze Zeit) „ein Volk“.


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